Wenn psychische Beschwerden körperliche Aktivität erschweren: Menschen in ihrer aktuellen Situation unterstützen

Von Amanda L. Rebar, University of South Carolina, USA

Körperliche Aktivität wird zunehmend als Bestandteil der Versorgung bei psychischen Beschwerden empfohlen – und das aus gutem Grund. Die Evidenz ist überzeugend: Regelmässige körperliche Aktivität kann Symptome von Depression und Angst reduzieren, das Wohlbefinden verbessern und psychologische und pharmakologische Behandlungen ergänzen.

Im Zentrum der Förderung körperlicher Aktivität für die psychische Gesundheit steht jedoch eine praktische Frage: Wie können wir Menschen dabei unterstützen, körperlich aktiv zu sein, wenn psychische Beschwerden gerade die Motivation und die dafür nötigen Ressourcen beeinträchtigen?

Wenn Symptome zu Barrieren für körperliche Aktivität werden

Die Forschung weist zunehmend darauf hin, dass psychische Symptome nicht nur Hindernisse für körperliche Aktivität sind. Sie sind vielmehr Teil des Prozesses selbst, indem sie Motivation und Fähigkeit zu körperlicher Aktivität beeinflussen.

Bei Menschen mit Depression, Angst oder hoher Stressbelastung können die Symptome selbst zu wichtigen Einflussfaktoren des Bewegungsverhaltens werden. Depression kann Energie verringern, alltägliche Aufgaben anstrengender erscheinen lassen und die Freude an Aktivitäten mindern, die früher als wertvoll erlebt wurden. Angst kann soziale Situationen, ungewohnte Umgebungen oder auch die körperlichen Empfindungen während sportlicher Aktivität unangenehm oder bedrohlich erscheinen lassen. Stress kann die Aufmerksamkeit auf unmittelbar anstehende Anforderungen verengen, sodass für längerfristige Gesundheitsziele weniger mentale Kapazität bleibt.

Körperliche Aktivität trotz schwankender Symptome unterstützen

Psychische Symptome beeinflussen damit nicht nur das Befinden, sondern auch, ob Menschen Verhaltensweisen umsetzen können, die ihre psychische Gesundheit unterstützen. Diese Perspektive verschiebt den Fokus: weg von der blossen Empfehlung körperlicher Aktivität und hin zur Unterstützung bei ihrer tatsächlichen Umsetzung.

Wie können Fachpersonen Menschen also dabei unterstützen, mit körperlicher Aktivität verbunden zu bleiben, wenn Symptome die Teilnahme erschweren?

Ein sinnvoller Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass psychische Gesundheit selten statisch ist. Symptome verändern sich im Zeitverlauf – und damit auch die Fähigkeit einer Person, körperlich aktiv zu sein. Wer in einer Woche aktiv und engagiert ist, kann dieselbe Aktivität in der nächsten Woche als deutlich schwieriger erleben. Solche Veränderungen spiegeln häufig schwankende Symptome und Lebensumstände wider und nicht mangelndes Engagement.

Rückschläge als Information statt als Scheitern verstehen

Diese Sichtweise hilft Fachpersonen, Unterbrechungen oder Rückgänge der körperlichen Aktivität nicht vorschnell als Scheitern zu bewerten. Wenn eine geplante Aktivität nicht stattfindet, liefert das zunächst Informationen. Statt zu fragen, warum jemand einen Plan nicht eingehalten hat, ist es oft hilfreicher zu klären, was die Umsetzung erschwert hat. War das Ziel angesichts der Symptome in dieser Woche zu anspruchsvoll? War die Aktivität wegen Erschöpfung zu belastend? Hatten andere Anforderungen Vorrang? Oder wurde die Aktivität schlicht als unangenehm oder überwältigend erlebt? Ein besseres Verständnis dieser Barrieren kann Fachpersonen und Patientinnen und Patienten dabei helfen, künftige Pläne anzupassen, statt sie ganz aufzugeben.

Weniger von Motivation und Selbstkontrolle abhängig sein

Eine zweite Konsequenz ist, dass Unterstützung nicht vollständig auf Motivation beruhen sollte. Motivation schwankt natürlicherweise, besonders in Phasen stärkerer psychischer Belastung. Fachpersonen können Rahmenbedingungen mitgestalten, die es erleichtern, körperliche Aktivität zu beginnen und aufrechtzuerhalten.

Aktivitätsziele an veränderte Bedürfnisse anpassen

Flexible Ziele, klare Handlungspläne, unterstützende Umgebungen und verlässliche Routinen können die Abhängigkeit von momentaner Motivation verringern. So können Ziele flexibel genug gestaltet werden, um veränderte Symptome zu berücksichtigen. Handlungspläne können körperliche Aktivität zudem mit konkreten Auslösern und Gelegenheiten im Alltag verknüpfen.

Wichtig: Das bedeutet nicht, die Erwartungen grundsätzlich zu senken. Es bedeutet vielmehr anzuerkennen, dass Fortschritt selten geradlinig verläuft. In schwierigeren Phasen kann Erfolg darin bestehen, eine Routine beizubehalten, einen kurzen Spaziergang zu machen oder eine andere gut bewältigbare Form von Bewegung aufrechtzuerhalten. Wenn die Symptome weniger belastend sind, können Ziele erweitert und der Aktivitätsumfang gesteigert werden.

Warum Freude an der Aktivität wichtig ist

Schliesslich sollte der Freude an körperlicher Aktivität mehr Aufmerksamkeit zukommen. Aktuelle Befunde deuten darauf hin, dass körperliche Aktivität in der Freizeit stärker mit psychischer Gesundheit zusammenhängt als Aktivität in anderen Lebensbereichen. Das unterstreicht, dass der Kontext eine Rolle spielt. Aktivitäten, die als angenehm, bedeutsam und selbstbestimmt erlebt werden, lassen sich möglicherweise leichter langfristig aufrechterhalten und können für die psychische Gesundheit günstiger sein als Aktivitäten, die ausschliesslich deshalb ausgeführt werden, weil sie als gesund gelten. Menschen dabei zu unterstützen, Bewegungsformen zu finden, die ihnen tatsächlich wichtig sind, kann daher ebenso bedeutsam sein wie das Erreichen eines bestimmten Aktivitätsziels.

Menschen in ihrer aktuellen Situation unterstützen

Diese Prinzipien beschreiben, was es bedeutet, Menschen in ihrer jeweiligen Situation zu unterstützen: nicht Erwartungen aufzugeben oder Ziele fallen zu lassen, sondern die Unterstützung an wechselnde Symptome, Lebensumstände und Möglichkeiten anzupassen.

Körperliche Aktivität kann ein wirksames Mittel zur Unterstützung der psychischen Gesundheit sein. Die Empfehlung allein ist jedoch nur der Anfang. Die eigentliche Herausforderung und zugleich die Chance für Fachpersonen besteht darin, Menschen dabei zu helfen, mit körperlicher Aktivität verbunden zu bleiben, wenn Symptome die Teilnahme erschweren. Die aktuelle Situation einer Person zu berücksichtigen, die Unterstützung bei veränderten Umständen anzupassen und Rückschläge als Lerngelegenheiten zu nutzen, kann ebenso wichtig sein wie die Empfehlung zur körperlichen Aktivität selbst.

Praktische Empfehlungen

  1. Mit Schwankungen rechnen statt mit gleichbleibender Entwicklung.
    Psychische Symptome, Motivation und Energieniveau verändern sich im Zeitverlauf. Besprechen Sie körperliche Aktivität als etwas, das von Woche zu Woche angepasst werden kann, statt eine stetige, lineare Entwicklung zu erwarten.
  2. Rückschläge als Information statt als Scheitern verstehen.
    Wenn körperliche Aktivität nicht wie geplant stattfindet, sollte gemeinsam geklärt werden, was die Umsetzung erschwert hat. War das Ziel angesichts der aktuellen Symptome zu anspruchsvoll? Gab es konkurrierende Anforderungen, Barrieren in der Umgebung oder fehlende Freude an der Aktivität? Nutzen Sie diese Informationen, um künftige Pläne anzupassen, statt sie aufzugeben.
  3. Pläne entwickeln, die nicht vollständig von Motivation abhängen.
    Unterstützen Sie Menschen dabei, einfache Routinen, Auslöser und Handlungspläne zu identifizieren, die den Beginn körperlicher Aktivität erleichtern – besonders an schwierigeren Tagen. Ziel ist nicht, Motivation zu maximieren, sondern die Abhängigkeit von Selbstkontrolle zu verringern.
  4. Kontinuität vor Steigerung priorisieren.
    In Phasen stärkerer psychischer Belastung kann es wichtiger sein, den Bezug zu körperlicher Aktivität aufrechtzuerhalten, als Richtwerte zu erreichen. Ein kurzer Spaziergang, eine vertraute Routine oder eine gut bewältigbare Bewegungsform können helfen, Zuversicht zu erhalten und eine Grundlage für spätere Fortschritte zu schaffen.
  5. Freude an der Aktivität als relevantes Ziel berücksichtigen.
    Aktivitäten, die als bedeutsam, befriedigend oder angenehm erlebt werden, werden eher langfristig beibehalten. Unterstützen Sie Menschen dabei, Bewegungsformen zu finden, die ihnen tatsächlich wichtig sind, statt sich ausschliesslich darauf zu konzentrieren, was theoretisch optimal erscheint.

Übersetzt von: Walter Bierbauer

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Das integrative Modell der Anpassung an andauernde Herausforderungen: Verständnis und Förderung der biopsychosozialen Anpassung

Von Lis Dreijer Hammond, Aalborg Universität (DK), Christian Karlsen Hansen & Martin Lehmkuhl Kristensen, Rehabilitationszentrum für Geflüchtete, regionaler Gesundheitsdienst Nordjütland (DK) und Chalotte Glintborg, Aalborg Universität (DK)

Wenn Krankheiten oder andere schwerwiegende negative Lebensereignisse eintreten, kehrt das Leben oft nicht mehr in den Ausgangszustand zurück. Für Menschen mit chronischen Erkrankungen besteht die Herausforderung nicht nur darin, ihre Symptome zu bewältigen, sondern auch darin, sich an ein verändertes Leben anzupassen. Ist dieser Anpassungsprozess gestört, kann dies zu Angstzuständen, Depressionen, einer verschlechterten körperlichen Gesundheit und einer stärkeren Inanspruchnahme des Gesundheitssystems führen. Schätzungen dazu, wie gut Menschen sich an andauernde Herausforderungen anpassen, variieren je nach Messmethode. Je nach Methode passen sich zwischen 16,9 % und 62 % der Betroffenen schlecht an, während bei 13 % bis 36,3 % von einer guten Anpassung ausgegangen wird. Weltweit leben mehr als eine Milliarde Menschen mit chronischer Multimorbidität. Wenn bis zu zwei Drittel von ihnen Anpassungsschwierigkeiten aufweisen, besteht ein dringender Bedarf, die Unterstützung bei der Anpassung an chronische Erkrankungen zu verbessern.

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Pflegende Angehörige beim Krankenhausaustritt unterstützen: Praktische Erkenntnisse aus einem partizipativen Ansatz

Von Kathryn McEwan, Northumbria University, UK

Sarah half ihrem Vater, seine Sachen zu packen; Erleichterung vermischte sich mit aufsteigender Angst. Nach fünf Tagen im Krankenhaus infolge eines Schlaganfalls wurde er entlassen. Eine Pflegekraft hatte kurz Änderungen bei der Medikation und Nachsorgetermine erwähnt, doch Sarah (die ihn zu Hause pflegen würde) war nicht in diese Gespräche einbezogen worden. Sie verliess das Krankenhaus mit einem Entlassungsbrief, den sie nicht ganz verstand, ohne zu wissen, auf welche Warnsignale sie achten sollte, oder wen sie bei Problemen anrufen könnte. Innerhalb von 48 Stunden wurde ihr Vater erneut eingewiesen.

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Mind the Gap: Embedding Equity in Everyday Practice

By Amanda O’Connor, Claire Blewitt and Helen Skouteris, Monash University, Melbourne, Australia.

Health equity means that everyone has a fair and just opportunity to achieve good health, regardless of socioeconomic position, ethnicity, gender, or other social conditions. Yet, current global trends show widening health gaps. Differences in life expectancy between countries, often driven by structural weaknesses in health systems, systemic racism and bias, and unequal social, economic, and environmental conditions, can exceed three decades, and inequalities within countries are also increasing between social groups.

These root causes can feel far removed from our daily work. However, health care professionals often work under time pressure, resource constraints, and strict protocols. It may seem that equity is mainly a policy or system-level issue. Nonetheless, equity is also shaped in everyday healthcare encounters, in how services are organised, how communication happens, how decisions are made, and which patients are able to benefit from available care.

Every consultation, care pathway, and service improvement effort functions as a small intervention. Choices about appointment systems, referral routes, patient education materials, digital tools, and follow-up procedures can either reduce or widen gaps. When equity is not considered explicitly, standard procedures often work best for already advantaged groups. When equity is considered from the start, routine care becomes more accessible, more acceptable, and more effective for a wider range of patients.

An equity-centred approach in healthcare begins with intentional reflection and planning. Teams should make their understanding of equity explicit and discuss what fair access and fair outcomes mean in their specific service context. This includes identifying which patient groups are less likely to attend, adhere, or benefit, and examining practical barriers such as language, health literacy, transport, digital access, cost, stigma, or prior negative experiences with healthcare. Planning for equity also means recognising patient and community strengths, not only risks and deficits, and learning from past improvement efforts. For example, access to care for children living with obesity in regional and rural areas may be improved by telemedicine, the expansion of nursing roles in primary care, and community health worker models.

Another core principle is valuing lived experience. Patients are experts in navigating their own conditions and circumstances. Their experiences with services reveal barriers and opportunities that clinical indicators alone cannot show. Healthcare professionals can strengthen equity by creating structured and ongoing ways to hear patient perspectives, through patient partners (i.e., patients or carers who are formally invited to collaborate with staff in service design, evaluation, or governance based on their lived experience), advisory groups, feedback systems, and co-design activities, and by ensuring this input meaningfully influences service delivery and communication approaches. For instance, working with young people with lived experience of mental illness has led to a road map for the youth mental health sector in supporting collaborative service design, implementation, and evaluation of a community-based psychosocial service.

Reflective practice is also essential. Power differences are built into healthcare relationships through professional authority, institutional roles, and knowledge asymmetries. Clinicians and service teams need regular opportunities to reflect on how assumptions, stereotypes, and time pressures shape their judgments and interactions. Structured reflection, team dialogue, and feedback from diverse patients and colleagues help uncover blind spots and reduce the risk that bias influences care decisions. Reflection should be continuous and built into quality improvement routines. This is highlighted in the work we do with early childhood organisations. To support children impacted by trauma effectively, we collaborate across disciplines and sectors and encourage deep and ongoing reflection on what practices and policies are needed to support health and wellbeing equity for these children.

Equity-centred care is strengthened by using appropriate conceptual lenses. Frameworks addressing social determinants of health, intersectionality, structural discrimination, and culturally grounded care help translate equity from an abstract value into practical decisions. These perspectives guide how professionals interpret non-adherence, missed appointments, communication difficulties, and risk behaviours, shifting the focus from “non-compliant patients” to mismatched systems and contexts.

Health inequities are produced by large systems, but they are also reinforced or reduced through the many daily actions in healthcare settings. Putting equity first is therefore not separate from good clinical care; it is part of it.

Practical recommendations

  • Keep your eyes and mind open. Build your understanding of health inequities and their structural drivers. Reflect on your own professional position, assumptions, and possible implicit biases, and consider how these may affect communication, clinical judgment, and expectations of patients. Make short reflective moments part of routine practice and team meetings.
  • Actively seek and listen to diverse patient voices. Go beyond standard satisfaction surveys. Create simple, repeated opportunities to hear from different patient groups, especially. Work especially with those who attend less often or discontinue care to understand the barriers that are preventing their holistic care. Work with patient representatives and community organisations and show clearly how their feedback is highly valued and leads to service adjustments.
  • Think critically about the tools and procedures you use. Clinical pathways, educational materials, digital portals, and behaviour change tools are often designed for highly literate and well-resourced patients. Review whether your materials and processes are understandable, culturally appropriate, and accessible. Adapt language and delivery formats where needed. Familiarize and engage for example with equity frameworks  and theories from the outset.
  • Be prepared to challenge inequitable routines and structures. Notice patterns in who misses appointments, who gets referred, and who benefits least. Raise these observations with your team and ask them and the patients why these inequitable routines might be occurring. Advocate for the needs of these patients as expressed by them. This might involve flexible scheduling, interpreter access, outreach approaches, and resource allocation that supports.
  • Value multiple forms of evidence. Combine clinical guidelines and quantitative indicators with patient stories, frontline staff insights, and community knowledge. Different evidence sources together give a more accurate picture of what works for whom in real-world care.
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Verhaltensänderung neu denken

Theresa Marteau, University of Cambridge, UK

Viele Menschen tun sich schwer damit, sich gesünder zu ernähren, weniger Alkohol zu trinken, mit dem Rauchen aufzuhören oder kürzere Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zurückzulegen. Das gilt selbst dann, wenn ihnen bewusst ist, dass solche Veränderungen sowohl ihrer Gesundheit als auch dem Planeten zugutekämen. Und das betrifft nicht nur die Menschen, die wir unterstützen wollen, sondern auch Psycholog:innen und Verhaltenswissenschaftler:innen.

Dieses Scheitern ist nicht in erster Linie ein Problem mangelnder Willenskraft. Vielmehr unterschätzen wir systematisch, wie stark unser Verhalten durch alltägliche Umgebungen geprägt wird, und überschätzen gleichzeitig den Einfluss von Werten, Einstellungen und Absichten.

Warum Wissen nicht reicht

Man könnte annehmen, dass personalisierte Gesundheitsinformationen Menschen zum Handeln bewegen. Wer erfährt, wie hoch das eigene Risiko für Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist, müsste doch eher sein Verhalten ändern — oder? Die Forschung zeigt jedoch ein anderes Bild. Fünf systematische Reviews mit zahlreichen randomisiert-kontrollierten Studien kommen zu dem Schluss, dass personalisierte Risikoinformationen — einschliesslich genetischer Risikowerte — das Verhalten kaum oder gar nicht verändern. Körperliche Aktivität, Rauchen, Alkoholkonsum und ungesunde Ernährung bleiben weitgehend unverändert.

Ähnlich verhält es sich beim Klimawandel: Klimawissenschaftler:innen verfügen über sehr fundiertes Wissen, fliegen aber oft ähnlich viel wie andere Akademiker:innen. Wissen allein führt nur selten zu einer dauerhaften Verhaltensänderung.

Die Umwelt macht den Unterschied

Dual-Process-Modelle aus der Verhaltenswissenschaft helfen dabei, dieses Phänomen zu erklären. Unser Verhalten wird durch zwei miteinander verknüpfte Systeme gesteuert: ein langsames, reflektiertes und zielgerichtetes System sowie ein schnelles, automatisches und reizgesteuertes System. Das reflektierte System brauchen wir, um zu lesen, neue Kompetenzen zu erwerben oder Versuchungen zu widerstehen. Das automatische System reagiert hingegen unmittelbar auf Signale aus der Umgebung — wenn Kuchen vor uns steht, greifen wir zu. Ist unsere begrenzte reflektierte Kapazität bereits ausgelastet, reagiert dieses automatische System direkt auf Umweltreize. Genau deshalb ist es oft wirksamer, die Umgebung zu verändern als Einstellungen im Kopf verändern zu wollen.

Besonders relevant sind dabei drei Merkmale der Umgebung: Bezahlbarkeit, Verfügbarkeit und Attraktivität.

Bezahlbarkeit: Preise beeinflussen Verhalten

Preiserhöhungen für Tabak gehören zu den wirksamsten politischen Massnahmen zur Reduktion des Rauchens. Eine Preissteigerung um 10% senkt den Tabakkonsum um etwa 4%. Auch Steuern auf zuckerhaltige Getränke verringern den Konsum. Umgekehrt steigt der Konsum von Obst und Gemüse, wenn diese Produkte durch Subventionen günstiger werden.

Verfügbarkeit: Gewählt wird, was leicht zugänglich ist

In einer Studie mit 20’000 Angestellten in 19 Betriebskantinen erhöhte mein Forschungsteam den Anteil kalorienärmerer Mittagsmahlzeiten und verkleinerte gleichzeitig die Portionen kalorienreicherer Angebote. Das Ergebnis: Die Mitarbeitenden kauften 11,5% weniger Kalorien, weil gesündere Optionen einfacher verfügbar waren.

Attraktivität: Werbung wirkt

Wenn Werbung und Sponsoring der Tabak-, Alkohol- und Ungesunde-Lebensmittel-Industrie eingeschränkt oder gestoppt werden, sinken die Attraktivität und Zahl gekaufter Produkte. Vergleichbare Effekte sind auch für Produkte aus fossilen Energieträgern zu erwarten. Auch klare Warnhinweise und der Verzicht auf Markeninszenierung können die Attraktivität reduzieren. So führten Krebswarnhinweise auf alkoholischen Getränken im kanadischen Yukon zu einem Rückgang der Alkoholverkäufe um rund 6%. Einheitliche Tabakverpackungen machen Warnhinweise zudem sichtbarer.

Warum Regulierung zentral ist

Viele Interventionen, die das Verhalten durch Veränderungen alltäglicher Umgebungen beeinflussen sollen, erfordern regulatorische Massnahmen, weil sie wirtschaftlichen Interessen entgegenstehen. Vier Industrien — Tabak, Alkohol, ungesunde Lebensmittel und fossile Energieträger — produzieren Güter, die weltweit mit mindestens einem Viertel aller Todesfälle sowie mit dem Grossteil der Treibhausgasemissionen verbunden sind, die den Klimawandel vorantreiben.

Dennoch dominieren nach wie vor Informationskampagnen und freiwillige Selbstregulierung durch die Industrie. Diese Präferenz wird von den betreffenden Branchen aktiv gestützt — durch Lobbying, durch die Finanzierung von Forschung, die Regulierung infrage stellt, und durch die Darstellung staatlicher Eingriffe als Einschränkung persönlicher Freiheit.

Was sich ändern muss

Wir müssen wissenschaftliche Evidenz und politische Entscheidungsprozesse besser vor kommerzieller Einflussnahme schützen. Die Tabakkontrolle liefert hierfür ein wichtiges Vorbild. Länder, die Artikel 5.3 des internationalen Abkommens zur Tabakkontrolle umgesetzt haben, konnten politische Prozesse besser vor Einflussnahme der Industrie schützen, stärker evidenzbasierte Massnahmen einführen und niedrigere Raucherquoten erreichen. Diesen Schutz sollten wir auf alle Unternehmen ausweiten, deren Produkte Gesundheit und Umwelt schädigen. Auch Bürger:innenräte und andere deliberative Beteiligungsformate sind vielversprechend, weil sie sowohl den Einfluss der Bevölkerung auf politische Entscheidungen als auch den Stellenwert wissenschaftlicher Evidenz stärken können.

Praktische Empfehlungen

Für Fachpersonen in der Gesundheitsversorgung:

  1. Bei der Umgebung ansetzen, nicht nur bei der Aufklärung. Wenn Sie mit Klient:innen oder Patient:innen arbeiten, richten Sie den Blick auf Umweltreize, die problematisches Verhalten auslösen. Statt ausschließlich Motivation oder Wissen in den Mittelpunkt zu stellen, unterstützen Sie Menschen dabei, ihre unmittelbare Umgebung neu zu gestalten. Zum Beispiel Obst sichtbar platzieren, stark verarbeitete Snacks außer Sichtweite aufbewahren, Fahrräder im Flur statt im Keller abstellen oder kleinere Teller und Gläser verwenden.
  2. Veränderungen am Arbeitsplatz anstoßen. Setzen Sie sich in Ihrer Institution dafür ein, dass gesündere Optionen in Kantinen leichter verfügbar und günstiger werden. Schon einfache Maßnahmen, etwa pflanzenbasierte Menüs als Standard mit unkomplizierter Abwahlmöglichkeit, können Verhalten spürbar verändern.

Für Public-Health-Teams:

  1. Das Unsichtbare sichtbar machen. Nutzen Sie Ihre Plattformen, um deutlich zu machen, wie stark Verhalten durch Umgebungen geprägt wird. Treten Sie der verbreiteten Annahme entgegen, Verhaltensänderung sei in erster Linie eine Frage von Willenskraft oder Wissen. Die Evidenz spricht dafür, dass es vor allem um Kontexte geht, nicht nur um Einstellungen.
  2. Politik aktiv ansprechen. Identifizieren Sie Lücken zwischen wissenschaftlicher Evidenz und bestehender Politik auf lokaler wie nationaler Ebene. Schreiben Sie politischen Entscheidungsträger:innen und formulieren Sie konkrete, evidenzbasierte Empfehlungen. Viele sind offen für fachlichen Input, besonders wenn er praxisnahe Lösungen enthält. Ein Beispiel: Mein Schreiben an einen britischen Gesundheitsminister führte zu einer Evidenzsynthese darüber, wie sich Verhalten verändern lässt, um die gesunde Lebenserwartung zu erhöhen.
  3. Bündnisse für Regulierung aufbauen. Vernetzen Sie sich mit Organisationen, die sich für evidenzbasierte Massnahmen in den Bereichen Tabak, Alkohol, Ernährung und Verkehr einsetzen. Gemeinsame Interessenvertretung ist entscheidend, um dem Einfluss der Industrie etwas entgegenzusetzen. Hilfreich sind insbesondere kurze, gut verständliche Evidenzübersichten, die eine stärkere Regulierung fachlich stützen — ähnlich wie es in der Tabakkontrolle durch koordiniertes Engagement von Expert:innen gelungen ist.

Übersetzt von: Walter Bierbauer

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Weniger sitzen: Kleine Veränderungen, die einen großen Unterschied machen

Von Zofia Szczuka, SWPS Universität, Polen & Deakin Universität, Australien

Ruhendes Verhalten: mehr als nur mangelnde Bewegung

Die gesundheitlichen Vorteile von körperlicher Aktivität sind allgemein bekannt. Aber schenken wir dem sogenannten „ruhenden Verhalten“ ebenso viel Aufmerksamkeit?

Ruhendes Verhalten beinhaltet alle Aktivitäten, die wir tagsüber im Sitzen oder Liegen ausführen und bei denen unser Körper nur sehr wenig Energie verbraucht. Wichtig ist, dass ruhendes Verhalten NICHT dasselbe ist wie geringe körperliche Aktivität. Sie können jeden Morgen 30 Minuten joggen gehen und trotzdem den Rest des Tages stundenlang sitzen – am Arbeitsplatz oder zu Hause. Das nennt man den „aktiven Faulen“: regelmäßige Bewegung, aber trotzdem viel Sitzen. Die Reduzierung von ruhendem Verhalten und die Steigerung der körperlichen Aktivität sind komplementäre Ziele in den aktuellen Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

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Unterstützung von Gesundheitsfachkräften im Umgang mit Impfzögerlichkeit

Von Dawn Holford, University of Bristol, UK, Linda Karlsson, University of Turku, Finland, Frederike Taubert, Erfurt University, Germany, Emma C. Anderson, University of Bristol, UK, Virginia C. Gould, University of Bristol, UK

Fehlvorstellungen über Impfungen richtigstellen

Impfungen gehören zu den erfolgreichsten Instrumenten der öffentlichen Gesundheitsvorsorge – Schätzungen zufolge retten sie jede Minute sechs Menschenleben. Aber Impfungen stoßen auch auf öffentlichen Widerstand: Anhaltende Desinformation untergräbt das Vertrauen der Bevölkerung in Impfungen und stellt für Gesundheitsfachkräfte mit Aufgaben im Impfbereich eine große Herausforderung dar. Wie können sie mit der Flut falscher Erzählungen über Impfungen Schritt halten? Und was können sie Patientinnen und Patienten sagen, die diese Narrative als Grund anführen, sich selbst oder ihre Kinder nicht impfen zu lassen?

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Altern neu denken um aktiv und gesund zu bleiben

Von Aïna Chalabaev, Universität Grenoble, Frankreich

Wie in einem früheren Blogbeitrag dargestellt, sind die positiven Auswirkungen regelmäßiger körperlicher Aktivität auf die Gesundheit von Menschen ab 65 Jahren allgemein anerkannt. Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es klare Richtlinien, welche Menge und Art von Aktivitäten mit gesundheitlichen Vorteilen verbunden sind. Dennoch gehören ältere Menschen weltweit nach wie vor zu den inaktivsten Bevölkerungsgruppen.

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MyLifeTool: Ein personenzentrierter, ganzheitlicher Ansatz für das Selbstmanagement von Langzeiterkrankungen

Von Dr. Stephanie Kılınç, Teesside University, UK und Jo Cole, The Tees Valley, Durham and North Yorkshire Neurological Alliance, UK

Langzeiterkrankungen stellen für die globalen Gesundheitssysteme angesichts ihrer hohen Prävalenz und Krankheitslast, einschliesslich ihres erheblichen Einflusses auf die verlorenen gesunden Lebensjahre (DALYs), eine grosse Herausforderung dar. Sie beeinträchtigen zudem die gesundheitsbezogene Lebensqualität erheblich und gehen mit höheren Raten von Angststörungen und Depressionen einher als in der Allgemeinbevölkerung.

MyLifeTool ist ein Selbstmanagement-Instrument für Menschen, die mit einer beliebigen Langzeiterkrankung leben (z. B. Diabetes, Multiple Sklerose, chronische Schmerzen, Asthma, Angststörungen, neurologische Entwicklungsstörungen, erworbene Hirnverletzungen, Fibromyalgie). Es wurde in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit Betroffenen, Mitgliedern von Neuro Key und Psycholog*innen der Teesside University entwickelt. Es basiert auf unserem Selbstmanagement-Rahmenkonzept, das einen personenzentrierten, nicht-instruktiven Ansatz verfolgt. Menschen mit Langzeiterkrankungen standen im Mittelpunkt des Projekts; sie haben massgeblich darüber entschieden, was aus MyLifeTool werden sollte, und so beispielsweise auch den Namen gewählt. (more…)

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Sicher im und ums Wasser: Ertrinkungsprävention auf allen Ebenen neu denken

Von Kyra Hamilton, Griffith University, Australien und Amy Peden, University of New South Wales, Australien

In vielen Ländern ist Ertrinken eine führende, aber grösstenteils vermeidbare Todes- und Verletzungsursache, die nach wie vor zu wenig Beachtung findet. Ein weit verbreiteter Mythos ist, dass Ertrinken immer tödlich endet. Die Definition des Ertrinkens wurde überarbeitet, um klarzustellen, dass Ertrinken ein Prozess und kein Ergebnis ist. Die Folgen des Ertrinkens können der Tod (tödliches Ertrinken) oder das Überleben mit oder ohne bleibende Schäden sein, wie
z. B. Zerebralparese und andere neurologische Störungen, die durch Sauerstoffmangel im Gehirn verursacht werden (nicht-tödliches Ertrinken). Begriffe wie „trockenes Ertrinken“, „sekundäres Ertrinken“ oder „Beinahe-Ertrinken“ werden oft in den Medien verwendet, sind aber veraltet und sind medizinisch ungenau. Es ist an der Zeit, diese Begriffe nicht mehr zu verwenden. (more…)

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