Von Dawn Holford, University of Bristol, UK, Linda Karlsson, University of Turku, Finland, Frederike Taubert, Erfurt University, Germany, Emma C. Anderson, University of Bristol, UK, Virginia C. Gould, University of Bristol, UK

Fehlvorstellungen über Impfungen richtigstellen

Impfungen gehören zu den erfolgreichsten Instrumenten der öffentlichen Gesundheitsvorsorge – Schätzungen zufolge retten sie jede Minute sechs Menschenleben. Aber Impfungen stoßen auch auf öffentlichen Widerstand: Anhaltende Desinformation untergräbt das Vertrauen der Bevölkerung in Impfungen und stellt für Gesundheitsfachkräfte mit Aufgaben im Impfbereich eine große Herausforderung dar. Wie können sie mit der Flut falscher Erzählungen über Impfungen Schritt halten? Und was können sie Patientinnen und Patienten sagen, die diese Narrative als Grund anführen, sich selbst oder ihre Kinder nicht impfen zu lassen?

Auch wenn es naheliegt, mit der Darlegung von Fakten zu reagieren, ist die Korrektur von Impf-Fehlvorstellungen, die häufig durch Desinformation genährt werden, keineswegs mit einer bloßen Erweiterung des Faktenangebots gleichzusetzen. Nehmen wir das Beispiel des längst widerlegten Mythos, Impfungen würden Autismus verursachen: Trotz jahrzehntelanger Forschung und überwältigender Evidenz, dass es keinerlei Zusammenhang gibt, begegnen Gesundheitsfachkräfte dieser Sorge immer noch bei Eltern. Solche Mythen sind „haftend“, weil sie auf grundlegende Ängste der Menschen abzielen und mit prägnanten, auf den ersten Blick intuitiv wirkenden Narrativen arbeiten. Außerdem können sie von Personen mit politischen Interessen instrumentalisiert werden, um diese Mythen in der Öffentlichkeit weiter am Leben zu halten. 

Was also können Gesundheitsfachkräfte zu jemandem sagen, der eine Fehlvorstellung über Impfungen hat? Der erste Schritt besteht darin, zu verstehen, was die Überzeugungen dieser Person motiviert. Nehmen wir zwei Eltern als Beispiel: Tina und Tom. Beide sorgen sich, dass das Immunsystem ihrer Kinder mit den empfohlenen Impfungen überfordert sein könnte. Auch das ist eine verbreitete Fehlannahme: Tatsächlich stellen Impfstoffe im Vergleich zur echten Krankheit nur eine winzige Belastung dar. Für Tom kommt die Sorge von seiner Angst vor möglichen Nebenwirkungen jeder einzelnen Impfung. Bei Tina hingegen beruht sie auf dem Wunsch, ihr Kind solle eine starke „natürliche“ Widerstandskraft gegen Krankheiten entwickeln. Diese tieferliegenden Gründe hinter einer geäußerten Sorge werden in der Psychologie als „Wurzeln von Einstellungen“ bezeichnet, und sie können Menschen dazu motivieren, selbst dann an ihren Fehlannahmen festzuhalten, wenn sie mit Fakten korrigiert werden.

Oft verspüren wir den Impuls, Fehlvorstellungen, die wir von anderen hören, direkt zu korrigieren. Forschung zeigt jedoch, dass Menschen empfänglicher für die Richtigstellung von Impfmythen sind, wenn wir zunächst die Wurzeln ihrer Einstellungen anerkennen. Dies kann ihre Impfakzeptanz erhöhen. Um also auf Toms Sorge einzugehen, wäre es sinnvoll, ihn zuerst darin zu bestärken, dass es völlig normal ist, sein Kind schützen zu wollen. Um Tinas Sorge zu begegnen, wäre es dagegen angemessen, zunächst anzuerkennen, dass es grundsätzlich gut ist, unnötige Medikamente zu vermeiden. Nachdem man so eine Verbindung hergestellt und Vertrauen aufgebaut hat, kann man ihre Fehlvorstellungen gezielt ansprechen und weiterführende Informationen über Impfungen vermitteln.

Wie können wir Gesundheitsfachkräfte auf Impfgespräche vorbereiten?

Der beste Weg, Fehlvorstellungen über Impfungen zu begegnen, sind individuell maßgeschneiderte, dialogbasierte Ansätze. Wenn Menschen die Möglichkeit haben, mit Gesundheitsfachkräften zu sprechen, denen sie medizinisch vertrauen, kann dies sehr effektiv sein, um die Impfbereitschaft zu erhöhen. Ein Beispiel für einen solchen Ansatz ist das Empathische Widerlegungsinterview, ein vierstufiges Rahmenwerk, das Impfgespräche mithilfe der oben beschriebenen evidenzbasierten Techniken strukturiert, um Vertrauen aufzubauen und Fehlvorstellungen anzusprechen, während zugleich die Wurzeln der Einstellungen der Menschen respektiert werden. Es wurde im Rahmen des JITSUVAX-Projekts entwickelt und baut auf anderen dialogbasierten Ansätzen wie dem Motivational Interviewing auf.

Dennoch ist es nicht immer einfach, respektvoll mit Patientinnen und Patienten über Impfungen zu sprechen. Gesundheitsfachkräfte können die Sorge haben, während des Gesprächs Konflikte auszulösen. Viele von ihnen erhalten kein Training, das sie auf solche Gespräche vorbereitet. Tatsächlich basiert die Ausbildung oder Anleitung, die Gesundheitsfachkräfte für diese wichtige Rolle erhalten, häufig auf einem informationsbasierten Ansatz, also darauf, den Patientinnen und Patienten Fakten zu vermitteln – was in manchen Fällen sogar kontraproduktiv sein kann. Das JITSUVAX-Projekt führte Interviews mit Gesundheitsfachkräften durch, die ihren Bedarf an spezifischer Unterstützung und Strategien beschrieben, um mit Fehlvorstellungen von Patientinnen und Patienten im Impfkontext umzugehen.

Das JITSUVAX-Projekt hat Werkzeuge entwickelt, um Gesundheitsfachkräfte dabei zu unterstützen, das Empathische Widerlegungsinterview in Impfgesprächen anzuwenden:

  • Webressourcen, die Gesundheitsfachkräften helfen, 11 Wurzeln von Einstellungen zu verstehen, die Impf-Fehlvorstellungen zugrunde liegen.
    Leitfäden zur Anwendung des Empathischen Widerlegungsinterviews, um Impfgespräche zu verbessern.
    Schulungen für Gesundheitsfachkräfte im Empathischen Widerlegungsinterview.

Wir haben Workshops mit Gesundheitsfachkräften in mehreren europäischen Ländern durchgeführt. Nach der Teilnahme berichteten sie über deutliche und nachhaltige Verbesserungen ihrer Fähigkeiten und ihres Selbstvertrauens in Impfgesprächen. In Rumänien verzeichneten Gesundheitsfachkräfte, die im Empathischen Widerlegungsinterview und im Motivational Interviewing geschult wurden, einen stärkeren Anstieg der Anzahl vereinbarter Impftermine nach ihren Beratungen als ungeschulte Fachkräfte.

Unsere Erfahrungen decken sich mit den Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation: Kommunikationsschulungen für Gesundheitsfachkräfte stärken ihr Vertrauen in Impfgespräche und sind eine lohnende Investition.

Praktische Empfehlungen

Für Praktikerinnen und Praktiker:
• Als Gesundheitsfachkraft haben Sie eine einzigartige Vertrauensposition, wenn es um medizinische Beratung geht. Machen Sie sich bewusst, dass Ihre Gespräche den entscheidenden Unterschied für die Impfentscheidung Ihrer Patientinnen und Patienten ausmachen können.

  • Die zugrundeliegenden Wurzeln der Einstellungen Ihrer Patientinnen und Patienten zu verstehen, kann Ihnen im Gespräch helfen. Sie können dies als eine Art „Diagnose“ betrachten, um zu wissen, wie Sie die geäußerten Sorgen am besten ansprechen. Hilfreiche Techniken für diesen diagnostischen Schritt sind etwa offene Fragen zu stellen (z. B. „Welche Informationen würden Sie in Ihrer Entscheidung unterstützen?“) statt geschlossener Fragen („Kann ich Ihnen einige Informationen geben?“) und aktives Zuhören, indem Sie das Gehörte widerspiegeln.
  • Es gibt wirksame, evidenzbasierte Methoden, um Impfmythen richtigzustellen, ohne die Beziehung zu belasten. Suchen Sie nach Schulungen zu diesen Techniken, um Ihr Selbstvertrauen und Ihre Fähigkeiten für Impfgespräche zu stärken.
  • Vielleicht sind Sie besorgt, dass dialogorientierte Gespräche mehr Zeit benötigen, als in einer Beratung zur Verfügung steht. Kommunikationsansätze wie das Empathische Widerlegungsinterview bieten Techniken, um selbst wenige Minuten optimal zu nutzen. Es ist besser, Vertrauen aufzubauen und den Grundstein für weitere Gespräche zu legen, als Informationen zu vermitteln, die nicht gut aufgenommen werden.
  • Üben Sie die erlernten Kommunikationsfähigkeiten und -techniken regelmäßig– sie verbessern sich mit zunehmender Anwendung.

Übersetzt von: Karoline Villinger

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