{"id":609,"date":"2017-03-28T05:22:28","date_gmt":"2017-03-28T05:22:28","guid":{"rendered":"http:\/\/practicalhealthpsychology.com\/?p=609"},"modified":"2025-11-04T14:48:02","modified_gmt":"2025-11-04T14:48:02","slug":"fear-is-a-bad-counselor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/practicalhealthpsychology.com\/de\/2017\/03\/fear-is-a-bad-counselor\/","title":{"rendered":"Angst ist ein schlechter Ratgeber"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dr. Gjalt-Jorn Peters, Open University, Niederlande<\/strong><\/p>\n<p>Furcht-Appelle sind eine h\u00e4ufig verwendete Strategie, um Verhalten zu ver\u00e4ndern. Beispiele daf\u00fcr sind die bedrohenden und furchterregenden Bilder und Nachrichten, die auf <a href=\"http:\/\/europa.eu\/rapid\/press-release_MEMO-14-134_en.htm\">Tabakverpackungen<\/a> pr\u00e4sent sind. Aber auch Kampagnen, die den <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=BRo-2THXaOQ\">Einsatz von Sicherheitsgurt<\/a><u>en<\/u> f\u00f6rdern oder den (sch\u00e4dlichen) <a href=\"http:\/\/www.talkingdrugs.org\/5-anti-drugs-campaigns\">Substanzgebrauch reduzieren<\/a> wollen, verwenden furchterregende Nachrichten. Trotz der Beliebtheit und der weit verbreiteten Verwendung dieser angsteinfl\u00f6ssenden Methoden deutet die Forschung darauf hin, dass sie nicht unbedingt der beste Weg sind, Verhalten zu ver\u00e4ndern oder ein Bewusstsein f\u00fcr das sch\u00e4dliche Verhalten zu wecken.<\/p>\n<p>Wie ist das m\u00f6glich? Sollten Individuen nicht etwa Angst vor Dingen haben, die ihrer Gesundheit schaden k\u00f6nnten? Sicherlich w\u00fcrde niemand, der die Risiken f\u00fcr ein sch\u00e4dliches Verhalten kennt, rauchen oder ohne Sicherheitsgurt fahren oder sogar Methamphetamine einnehmen, richtig? Nicht ganz\u2026<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Anziehungskraft der Angst<\/strong><\/p>\n<p>Ein Grund weshalb Furchtapelle f\u00fcr Public Health Kampagnen popul\u00e4r scheinen ist, dass Individuen oftmals denken, sie w\u00fcssten, wie andere sich verhalten. Das was <em>einen selber<\/em> daran hindert, etwas Gef\u00e4hrliches zu tun, wird das Gleiche sein, was andere daran hindert, es zu tun. \u201cWenn alle nur die Risiken <em>kennen <\/em>w\u00fcrden&#8230;\u201d<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich werden die Risiken vieler ungesunder Verhaltensweisen bereits h\u00e4ufig in den Medien, durch Schulsysteme und \u00fcber soziale Netzwerke kommuniziert. Haben diese Kampagnen diejenigen Individuen, die gef\u00e4hrdet sind, nicht erreicht? Oder sind diese Botschaften nicht konfrontativ oder stark genug?<\/p>\n<p>So wird argumentiert, dass eine konfrontativere oder angsteinfl\u00f6ssendere Botschaft besser funktionieren sollte. Diese sollte die Abwehr von Personen gegen\u00fcber einer aufkl\u00e4renden Botschaft besser durchbrechen und sie st\u00e4rker damit konfrontieren, wie gef\u00e4hrlich bestimmte Verhaltensweisen sind. Als Folge wird angenommen, dass die Person dazu gezwungen wird, sich zweimal zu \u00fcberlegen, ob sie eine Zigarette oder Methamphetamine ausprobiert. Und in der Tat, wenn man <a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/5408396_Adolescents'_Perceptions_of_Canadian_Cigarette_Package_Warning_Labels_Investigating_the_Effects_of_Message_Framing\">Laien fragt, was funktionieren w\u00fcrde<\/a>, um sie davon abzuhalten, etwas Ungesundes zu tun, dann ist <a href=\"http:\/\/bmcpublichealth.biomedcentral.com\/articles\/10.1186\/1471-2458-12-1011\">das oft eine der meistgegebenen Antworten.<\/a><\/p>\n<p>Allerdings wissen wir schon seit einer Weile, dass diese <a href=\"http:\/\/people.virginia.edu\/~tdw\/nisbett&amp;wilson.pdf\">Introspektion fehlerhaft ist<\/a>: Individuen haben nicht immer Zugang zu den Gr\u00fcnden f\u00fcr ihr Handeln.<\/p>\n<p>Wenn man Zielgruppen \u00fcber ihre Gr\u00fcnde f\u00fcr das Ausf\u00fchren (oder Nichtausf\u00fchren) eines Verhaltens befragt, dann kann das n\u00fctzlich f\u00fcr die Entwicklung von Interventionen sein und entscheidend f\u00fcr deren Erfolg. Allerdings sind Laien nicht Experten f\u00fcr Verhaltens\u00e4nderungen und diese Verantwortung sollte ihnen auch nicht gegeben werden.<\/p>\n<p>Neben der intuitiven Anziehungskraft der bedrohlichen Botschaften, ist ein weiterer Grund f\u00fcr deren Beliebtheit ein wahrgenommener Mangel an Alternativen. Nicht alle Interventionsentwickler und Werbeagenturen sind mit Interventionsentwicklungsprotokollen wie <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Intervention_mapping\">Intervention Mapping<\/a> oder den verf\u00fcgbaren <a href=\"https:\/\/osf.io\/ng3xh\/\">Listen von Verhaltens\u00e4nderungsmethoden<\/a> vertraut.<\/p>\n<p>Es ist verst\u00e4ndlich, dass Interventionsentwickler h\u00e4ufig Angst und Bedrohungen in ihren Gesundheitsf\u00f6rderungsbem\u00fchungen anwenden, da sie leicht zug\u00e4nglich sind und auf \u201egesundem Menschenverstand\u201c basieren. Aber warum ist das ein Problem?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nichts zu bef\u00fcrchten ausser der Angst selbst<\/strong><\/p>\n<p>Das Problem ist, dass sich Individuen nicht immer rational verhalten. Zudem hat uns die Evolution f\u00fcr die meisten Dinge, die wir heute tun, nicht \u201eentworfen\u201c. Eine Sache, in der wir im Allgemeinen jedoch recht gut sind, ist, ein positives Selbstbild beizubehalten. Ein Mittel, das wir daf\u00fcr benutzen, ist die Verzerrung unserer eigenen Wahrnehmungen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir in der Regel alle an Informationen \u00fcber Risiken interessiert sind, k\u00f6nnen wir dennoch risikobezogene Informationen gut ignorieren, falls diese in bestimmten Situationen f\u00fcr uns unpassend oder bedrohlich sind. Bei \u201eleichten\u201c Verhaltensweisen ist das kein Problem: Wenn man jemanden davor warnt, rohes Huhn zu essen, so wird er\/sie das sehr wahrscheinlich befolgen. Eher bei \u201eschwierigeren\u201c Verhaltensweisen kommt das Problem der Selbstwahrnehmung ins Spiel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich <a href=\"https:\/\/www.cdc.gov\/tobacco\/data_statistics\/fact_sheets\/fast_facts\/index.htm#use\">wollen die meisten Rauchenden mit dem Rauchen aufh\u00f6ren<\/a>. Dies ist bekanntlich schwer und viele Rauchende denken oftmals, dass sie es nicht schaffen werden. Zeitgleich ist es nicht sch\u00f6n, ein zerst\u00f6rendes Verhalten auszuf\u00fchren und sich dessen Gefahren vollkommen bewusst zu sein. Dies bedroht das eigene Selbstbild. Daher k\u00f6nnen Individuen die M\u00f6glichkeit anwenden, sich diese Bedrohung weniger bewusst zu machen. Wann immer ein Individuum nicht zuversichtlich ist, dass es eine Bedrohung abwenden kann, wird es defensiv reagieren, um sein Selbstbild zu bewahren: Entweder, indem es die Risiken herunterspielt oder sich auf andere positive Aspekte seines Selbstbildes konzentriert. Zum Beispiel k\u00f6nnte ein Raucher\/eine Raucherin seine\/ihre Grossmutter zitieren, die zwei Packungen Zigaretten pro Tag \u00fcber vierzig Jahre geraucht hat und immer noch gesund ist (\u201eRauchen ist nicht so gef\u00e4hrlich\u201c) oder erkl\u00e4ren, dass er\/sie f\u00fcnfmal pro Woche arbeitet oder jeden Tag ein halbes Kilo Brokkoli isst (\u201eIch bin eine gesunde Person\u201c). Diese defensiven Reaktionen helfen dem Individuum, ein positives Selbstbild aufrechtzuerhalten, das es ihm dann wiederrum erm\u00f6glicht, das gef\u00e4hrliche Verhalten \u201eRauchen\u201c fortzusetzen.<\/p>\n<p>Diese Dynamiken werden <a href=\"http:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/10.1002\/ijop.12042\/full\">seit \u00fcber sechzig Jahren untersucht<\/a>. Allerdings ist das Thema noch immer umstritten. Um die Kontroverse rund um die Effektivit\u00e4t von Furchtappellen zu l\u00f6sen, hat unser Team die <a href=\"http:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/17437199.2012.703527\">Forschung in diesem Bereich einer kritischen Analyse unterzogen<\/a>. Unser Ziel war es zu untersuchen, warum einerseits Studien festgestellt haben, dass drohende Botschaften in Interventionen <em>funktioniert haben<\/em>, w\u00e4hrend auf der anderen Seite Studien das Gegenteil gefunden haben (kongruent mit psychologischen Theorien).<\/p>\n<p>In unserer Literaturrecherche fanden wir, dass Furchtapelle nur das Verhalten ver\u00e4nderten, wenn sie mit Interventionen gekoppelt waren, die das Vertrauen des Individuums in seine F\u00e4higkeit, die Bedrohung zu beseitigen, erfolgreich verst\u00e4rkten. Mit anderen Worten heisst das: Nur wenn Individuen dachten, sie k\u00f6nnten die Bedrohung abwenden, war es sinnvoll, sie zu bedrohen. Wenn Individuen hingegen nicht zuversichtlich waren, dass sie ihr Verhalten \u00e4ndern k\u00f6nnen, um eine Bedrohung zu vermeiden, aber trotzdem bedroht wurden, dann waren die angsterregenden Botschaften nicht nur ineffektiv, sondern gingen manchmal nach hinten los. Wenn nun Furchtappelle (also Bedrohung oder Konfrontation) keinen Weg darstellen, um das Verhalten von Menschen effektiv zu ver\u00e4ndern, was ist es dann?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Praktische Empfehlungen<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Beim Versuch, ein negatives Verhalten zu \u00e4ndern, sollte man <a href=\"http:\/\/ehps.net\/ehp\/index.php\/contents\/article\/download\/ehp.v16.i5.p142\/7\">zuerst die Ursachen (Determinanten)<\/a> des Verhaltens festlegen. Ist die wichtigste Determinante die Risikowahrnehmung, die soziale Norm oder unzureichende F\u00e4higkeiten?<\/li>\n<li>Identifizieren Sie dann, welche Methoden diese Determinanten \u00e4ndern k\u00f6nnen (siehe folgende verlinkte <a href=\"http:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/abs\/10.1080\/17437199.2015.1077155\">umfangreiche Liste<\/a> sowie diese <a href=\"http:\/\/ehps.net\/ehp\/index.php\/contents\/article\/download\/ehp.v16.i5.p156\/8\">praktischen Richtlinien<\/a>)<\/li>\n<li>Wenn Sie sich am Ende f\u00fcr die Furchtapelle entscheiden, stellen Sie die folgenden zwei Punkte sicher:<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Entweder ist Ihre Zielpopulation zuversichtlich, dass sie das w\u00fcnschenswerte Verhalten ausf\u00fchren kann (bekannt als \u201ehohe Selbstwirksamkeit\u201c), oder<\/li>\n<li>Ihre Intervention enth\u00e4lt eine oder mehrere wirksame Komponenten, die die Selbstwirksamkeit der Zielpopulation deutlich verbessern k\u00f6nnen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Translation by Theda Radtke; Rossella Falcone<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr Gjalt-Jorn Peters, Open University, Netherlands Fear appeals are a commonly used strategy to change behaviour. For instance the threatening and graphic fear-arousing communications now ever-present on tobacco packaging, and in campaigns to promote seatbelt use and discourage substance use. 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