{"id":2360,"date":"2021-11-25T14:38:11","date_gmt":"2021-11-25T14:38:11","guid":{"rendered":"https:\/\/practicalhealthpsychology.com\/?p=2360"},"modified":"2025-11-04T14:06:19","modified_gmt":"2025-11-04T14:06:19","slug":"helping-patients-manage-their-condition-illness-representations-matter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/practicalhealthpsychology.com\/de\/2021\/11\/helping-patients-manage-their-condition-illness-representations-matter\/","title":{"rendered":"Patient*innen helfen, ihre Krankheit zu bew\u00e4ltigen: Die Bedeutung subjektiver Krankheitskonzepte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von Yael Benyamini, Tel Aviv University, Israel und Evangelos C. Karademas, University of Crete, Greece<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Anna und Marie sind beide gesund, 45 Jahre alt und leben in einer gro\u00dfen europ\u00e4ischen Stadt. Beide kennen mehrere Personen, welche an COVID-19 erkrankt sind, und beide h\u00f6ren und lesen immer wieder neue Nachrichten \u00fcber COVID-19. Anna glaubt, dass COVID-19 eine sehr ernsthafte Erkrankung ist. Obwohl sie \u00fcberzeugt ist, dass sie sich aufgrund ihres relativ jungen Alters von der Krankheit erholen w\u00fcrde, f\u00fcrchtet sie langfristig anhaltende unangenehme Folgen einer Erkrankung. Daher arbeitet sie so viel wie m\u00f6glich von Zuhause aus, verl\u00e4sst das Haus niemals ohne eine Maske und wartet auf die n\u00e4chste Impfdosis.<\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Marie denkt, dass COVID-19 einfach eine \u201eErk\u00e4ltung mit guter Medienwirksamkeit\u201c ist. Laut ihren \u00dcberzeugungen wird sie in ihrem Alter und ohne Vorerkrankungen, sollte sie erkranken, h\u00f6chstwahrscheinlich nicht sehr beeintr\u00e4chtigt sein und im schlimmsten Fall ein paar Tage im Bett verbringen, genauso als wenn sie sich eine normale Erk\u00e4ltung eingefangen h\u00e4tte. Sie trifft auf der Arbeit und auf sozialen Veranstaltungen viele Leute und tr\u00e4gt eine Maske nur, wenn absolut n\u00f6tig. F\u00fcr sie gibt es keinen Grund, sich impfen zu lassen und sie ist vor allem besorgt \u00fcber die m\u00f6glichen Nebenwirkungen der Impfung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Anna und Marie haben etwas gemeinsam. Sie sehen die Dinge zwar nicht gleich, aber beide versuchen, dieselbe, potentiell gef\u00e4hrliche Situation zu verarbeiten. Wenn wir uns mit einer gesundheitsgef\u00e4hrdenden Situation konfrontiert sehen, sei es COVID-19, koronare Herzerkrankungen, Gelenkbeschwerden oder ein anderes Problem, dann tragen wir Informationen dar\u00fcber zusammen. Diese Informationen sammeln wir beispielsweise aus unseren eigenen K\u00f6rperempfindungen, unserer pers\u00f6nlichen Vergangenheit, von anderen\u00a0 Personen um uns herum sowie aus den Medien. Unser Ziel dabei ist es, ein koh\u00e4rentes Konzept der Erkrankung zu entwickeln. Um dies zu erreichen, versuchen wir, f\u00fcnf Hauptpunkte zu verstehen und zu integrieren: Die <\/span><a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s10865-016-9782-2\"><span style=\"font-weight: 400;\">Beschaffenheit, Ursachen, Konsequenzen, den zeitliche Ablauf und Genesungs-\/Bew\u00e4ltigungsm\u00f6glichkeiten.<\/span><\/a><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Warum spielt es eine Rolle, was wir \u00fcber eine Krankheit denken? Selbst, wenn unser Krankheitsmodell nicht medizinisch korrekt ist, wird es trotzdem bestimmen, wie wir uns in Bezug auf die Erkrankung f\u00fchlen und wie wir uns verhalten. Es bestimmt, wie wir versuchen, die Krankheit zu bew\u00e4ltigen, und was wir tun werden, um Symptome zu verhindern und die Erkrankung zu kontrollieren, zu heilen oder in unser Leben zu integrieren, falls m\u00f6glich. Studien haben gezeigt, dass negative subjektive Krankheitsmodelle (also eine Auffassung einer Erkrankung als sehr bedrohlich, langandauernd und nicht kontrollier- oder behandelbar) in Verbindung stehen mit Bew\u00e4ltigungsstrategien und \u2013folgen wie geringerer Lebensqualit\u00e4t, langsamerer Erholung von der Erkrankung und einem niedrigeren Funktionsniveau bei einigen Erkrankungen wie <\/span><a href=\"https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/full\/10.1002\/pon.4213\"><span style=\"font-weight: 400;\">Krebs<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> oder <\/span><a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/13548506.2019.1695865\"><span style=\"font-weight: 400;\">Diabetes<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Als Praktizierende sollten wir Patient*innen \u00fcber ihre subjektive Wahrnehmung ihrer Erkrankungen, bzw. derer, f\u00fcr die sie ein erh\u00f6htes Risiko haben, befragen und zwar in einer wertfreien Art und Weise. Wir k\u00f6nnten sie zum Beispiel einfach fragen, was sie \u00fcber ihre Krankheit in eigenen Worten denken, was ihrer Meinung nach die Krankheit verursacht hat, welche Symptome sie am meisten beunruhigen, ob die Behandlung der Erkrankung ihrer Meinung nach wirkt oder was die Patient*innen tuen, um ihre Symptome zu bew\u00e4ltigen. Wir k\u00f6nnten sie sogar bitten, <\/span><a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/329749479_A_systematic_review_of_patients'_drawing_of_illness_Implications_for_research_using_the_Common_Sense_Model\"><span style=\"font-weight: 400;\">die Krankheit aufzumalen<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, denn das Bild k\u00f6nnte viel dar\u00fcber aussagen, wie sie sich in Bezug auf die Krankheit f\u00fchlen und was sie denken. Patient*innen werden nicht oft nach ihrer eigenen Sicht der Dinge gefragt, aber meistens sind sie offen, diese zu diskutieren. Das subjektive Krankheitsmodell abzufragen ist auch f\u00fcr <\/span><a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/51820820_Physicians'_Communication_of_the_Common-Sense_Self-Regulation_Model_Results_in_Greater_Reported_Adherence_Than_Physicians'_Use_of_Interpersonal_Skills\"><span style=\"font-weight: 400;\">\u00c4rzt*innen<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> und andere Praktizierende im <\/span><a href=\"https:\/\/journals.lww.com\/jnr-twna\/Fulltext\/2021\/08000\/Effectiveness_of_a_Nurse_Delivered_Intervention_on.8.aspx\"><span style=\"font-weight: 400;\">Gesundheitsversorgungsbereich<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> relevant, denn die Sicht der Patient*innen und deren Konsequenz auf das Verhalten (z.B. das Einhalten von Empfehlungen) zu verstehen und zu adressieren k\u00f6nnte zu einer verbesserten Anpassung der Patient*innen f\u00fchren. Wenn wir zum Beispiel Marie dabei helfen, zu verstehen, dass die potenziellen Nebenwirkungen der Impfung nicht vergleichbar mit den tats\u00e4chlichen Folgen von COVID-19 sind, w\u00fcrde das vielleicht auch dabei helfen, ihre urspr\u00fcngliche Entscheidung bez\u00fcglich der Impfung zu \u00e4ndern. Dies kann ein erster Schritt in die Richtung von mehr systemischen individuellen oder gruppenorientierten Ma\u00dfnahmen sein, welche auf die subjektive Wahrnehmung der Patient*innen ma\u00dfgeschneidert werden, um maximale Effektivit\u00e4t zu erreichen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Patient*innen zu ermutigen, ihre Wahrnehmung der Krankheit mitzuteilen, kann auch dabei helfen, maladaptive Wahrnehmungen zu identifizieren. Man sollte die Entscheidung, ein subjektives Krankheitsmodell einer Person zu korrigieren, allerdings mit Vorsicht treffen. Beispielsweise kann eine unkorrekte Repr\u00e4sentation der Erkrankung hilfreich dabei sein, der Person die Angst zu nehmen. Praktizierende sollten immer im Auge behalten, dass das subjektive Krankheitsmodell nur ein kleiner Teil eines gr\u00f6\u00dferen, dynamischen und selbstregulierenden Systems ist, welches auch Bew\u00e4ltigungsverhalten, Handlungspl\u00e4ne, Ergebniserwartungen etc. mit einschlie\u00dft. Daher sollten Praktizierende wahrscheinlich immer alle diese Aspekte der Krankheitswahrnehmung untersuchen und in Absprache mit den Patient*innen entscheiden, wie und bei welchen Repr\u00e4sentationen interveniert werden soll. <\/span><a href=\"https:\/\/bpspsychub.onlinelibrary.wiley.com\/doi\/full\/10.1348\/135910708X295604\"><span style=\"font-weight: 400;\">Sowohl Top-Down (also abstrakt\/kognitive) als auch Bottom-Up (also konkrete, verhaltensbasierte) Interventionsstrategien<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> k\u00f6nnen erfolgreich sein. Oft ist es auch genauso wichtig, die Krankheitsmodelle von Familienmitgliedern, z.B. von <\/span><a href=\"https:\/\/psycnet.apa.org\/record\/2008-03424-011?doi=1\"><span style=\"font-weight: 400;\">Partner*in<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> oder <\/span><a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/10.1177\/1359104519895054\"><span style=\"font-weight: 400;\">Eltern<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">, anzuschauen und zu besprechen, da diese auch die Krankheitsmodelle und das Verhalten der Patient*innen beeinflussen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Empfehlungen f\u00fcr die Praxis:<\/span><\/p>\n<ol>\n<li style=\"font-weight: 400;\" aria-level=\"1\"><b>Subjektives Krankheitsmodell erfassen<\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> \u2013 verstehen, wie Patient*innen die Erkrankung auffassen: Lassen Sie die Patient*in ihre Geschichte des Gesundheitsproblems in eigenen Worten (nicht in medizinischen Fachbegriffen) erz\u00e4hlen und untersuchen sie dieses Modell dann weiter mithilfe von offenen Fragen oder Illustrationen. Sie k\u00f6nnen auch Partner*in oder andere Familienangeh\u00f6rige oder Pflegekr\u00e4fte nach deren Meinungen zu der Erkrankung fragen (oft unterscheiden sich diese von dem Krankheitsmodell der Patient*in und nehmen Einfluss auch die geleistete Unterst\u00fctzung).<\/span><\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\" aria-level=\"1\"><b>Subjektive Repr\u00e4sentation der Behandlung erfassen<\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> \u2013 Patient*innen haben ihre eigene Meinung \u00fcber die Effektivit\u00e4t, Vorteile, Risiken und Konsequenzen einer Behandlung, welche oft die Adh\u00e4renz bez\u00fcglich medizinischer Ratschl\u00e4ge beeinflusst.<\/span><\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\" aria-level=\"1\"><b>Identifizieren von inakkuraten oder dysfunktionalen Krankheitsmodellen, sowie deren Verbindungen zum Verhalten und Wohlbefinden. <\/b><span style=\"font-weight: 400;\">Bitte denken Sie daran, dass das subjektive Krankheitsmodell f\u00fcr die betroffene Person \u201epsychologisch korrekt\u201c ist, also, dass es f\u00fcr sie Sinn macht. Ein Krankheitsmodell mag Ihnen als \u201einakkurat\u201c vorkommen, aber nicht f\u00fcr den\/die Patient*in.<\/span><\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\" aria-level=\"1\"><b>Helfen Sie Ihren Patient*innen, deren \u00dcberzeugungen zu ver\u00e4ndern \u2013<\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> Wenn subjektive Krankheitsmodelle mit dysfunktionalem Verhalten assoziiert sind oder das Wohlergehen der betroffenen Person langfristig bedrohen, dann k\u00f6nnen Sie den Patient*innen folgenderma\u00dfen helfen, ihre \u00dcberzeugungen zu \u00e4ndern: (a) akkurate Informationen bereitstellen, (b) Beispiele von anderen Patient*innen nennen, welche funktionalere Krankheitsmodelle haben (oder lassen sie Patient*innen miteinander in Kontakt treten), (c) benutzen Sie <\/span><a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/13548506.2016.1153677\"><span style=\"font-weight: 400;\">bestimmte Interventionstechniken<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\">. <\/span><a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/51820766_A_text_message_programme_designed_to_modify_patients'_illness_and_treatment_beliefs_improves_self-reported_adherence_to_asthma_preventer\"><span style=\"font-weight: 400;\">Selbst kurze Informationstexte<\/span><\/a><span style=\"font-weight: 400;\"> k\u00f6nnen schon ausreichen!<\/span><\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\" aria-level=\"1\"><b>Unterst\u00fctzen Sie die Patient*innen, funktionale, krankheitsbezogene Handlungspl\u00e4ne zu entwickeln, <\/b><span style=\"font-weight: 400;\">welche konsistent mit dem (genauso funktionalen) Krankheitsmodell sind und f\u00fcr das Leben der Patient*innen relevant sind. Krankheitsmodelle sind nicht einfach zu \u00e4ndern, vor allem in sp\u00e4teren Stadien der Erkrankung. Manchmal ist es daher einfacher, sich auf das Verhalten anstatt auf das Krankheitsmodell zu fokussieren.<\/span><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">[\u00dcbersetzt von Dr. Theresa Pauly und Benjamin Knopp]<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>By Yael Benyamini, Tel Aviv University, Israel and Evangelos C. Karademas, University of Crete, Greece Anna and Mary are both healthy 45-year-old women, living in a large European city. 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