{"id":1052,"date":"2018-09-18T06:33:00","date_gmt":"2018-09-18T06:33:00","guid":{"rendered":"http:\/\/practicalhealthpsychology.com\/?p=1052"},"modified":"2025-11-04T14:35:03","modified_gmt":"2025-11-04T14:35:03","slug":"1052","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/practicalhealthpsychology.com\/de\/2018\/09\/1052\/","title":{"rendered":"Was geschieht mit den Medikamenten zu hause?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von Kerry Chamberlain, Massey University, Auckland, New Zealand<\/strong><\/p>\n<p>Was machen Personen mit den Medikamenten, wenn sie ihr Zuhause betreten? \u00dcberraschenderweise gibt es nur limitierte Forschung, die diese Fragestellung zu beantworten versuchte. Sie ist jedoch sehr wichtig, denn die meisten Medikamente werden zu Hause nur unter der Kontrolle des Konsumenten oder der Konsumentin eingenommen. Verschreibungspflichtige Medikamente sind zwar reguliert, aber sobald sie verschrieben und abgeholt wurden, gelten sie als, wie vorgeschrieben, eingenommen. Personen k\u00f6nnen zudem eine breite Palette von rezeptfreien Medikamenten (z.B. zur Schmerzlinderung), von alternativen Medikamenten (z.B. hom\u00f6opathische Pr\u00e4parate) und anderen gesundheitsbezogenen Pr\u00e4paraten, die weniger offensichtlich sind (z.B. Nahrungserg\u00e4nzungsmittel, probiotische Getr\u00e4nke), nutzen. Es sollte beachtet werden, dass der Zugang zu allen Formen von Medikamenten von <a href=\"http:\/\/ps.psychiatryonline.org\/doi\/pdf\/10.1176\/ps.62.5.pss6205_0459\">Land zu Land<\/a> <a href=\"http:\/\/www.nature.com\/articles\/1002089.pdf\">sehr unterschiedlich<\/a> sein kann.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Medikamente aller Art sind komplexe <a href=\"http:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/abs\/10.1177\/136345930100500403\">soziale Objekte<\/a>, und es ist ein Fehler, sie nur als medizinische Technologien zu betrachten, die zur Heilung oder Linderung von Krankheiten wirksam sind, wenn sie, wie empfohlen, eingenommen werden. Medikamente haben sehr unterschiedliche Effektivit\u00e4t in ihrer Dosis-Wirkungs-Reaktion. Einige (z.B. Paracetamol) haben einen breiten therapeutischen Index (d.h. sie werden in einem breiten Dosierungsspektrum gut vertragen), w\u00e4hrend andere (z.B. Levothyroxin) einen engen therapeutischen Index haben (d.h. kleine Dosisunterschiede k\u00f6nnen zu schwerem Therapieversagen und\/oder schwerwiegenden Nebenwirkungen f\u00fchren). Zudem haben alle Medikamente in irgendeiner Art und Weise Nebenwirkungen. Einige haben eher kleinere und unbemerkte Nebenwirkungen bei den meisten Anwender und Anwenderinnen und andere eher gr\u00f6\u00dfere und potenziell schwerwiegendere. W\u00e4hrend Medikamente unterschiedliche Wirkungen haben k\u00f6nnen, unterscheiden sich aber auch die Menschen in ihrer Toleranz gegen\u00fcber Medikamenten. Toleranzen k\u00f6nnen sich zudem durch den wiederholten Konsum <a href=\"https:\/\/ps.psychiatryonline.org\/doi\/pdf\/10.1176\/ps.62.5.pss6205_0459\">\u00fcber die Zeit<\/a> ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Wir haben deutliche Hinweise darauf gefunden, dass nur etwa die H\u00e4lfte der verschreibungspflichtigen Medikamente, <a href=\"https:\/\/www.annualreviews.org\/doi\/abs\/10.1146\/annurev-pharmtox-011711-113247\">wie vorgeschrieben, eingenommen wird<\/a>. Dies geschieht aus einer <a href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S0277953604006069\">Vielzahl von Gr\u00fcnden<\/a>, einschlie\u00dflich der Erfahrung mit Nebenwirkungen, Bedenken bez\u00fcglich der Abh\u00e4ngigkeit, \u00dcberzeugungen gegen\u00fcber <a href=\"https:\/\/www.bmj.com\/content\/345\/bmj.e3953.short\">Krankheiten<\/a>, Medikamente und Behandlungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist darum wichtig zu verstehen, wie Laien Medikamente im Alltag sinnvoll einsetzen. Wir haben Untersuchungen mit Menschen in 55 Haushalten durchgef\u00fchrt, die gezielt aus vier St\u00e4dten in ganz Neuseeland ausgew\u00e4hlt wurden. Dabei waren wir nicht an ihrer Medikamentenadh\u00e4renz interessiert. Wir baten sie aber trotzdem, ihre <a href=\"https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/abs\/10.1111\/1467-9566.12041\">Medikamentenpraktiken zu diskutieren<\/a>, Orte im Haushalt, wo alle Arten von Medikamenten aufbewahrt werden, abzubilden und alle Medikamente, die in ihrem Haushalt waren, wiederzugeben und zu diskutieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einige Hauptergebnisse der Studie waren:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Eine Vielzahl von Medikamenten jeglicher Art &#8211; verschreibungspflichtig, rezeptfrei und alternativ &#8211; waren in allen Haushalten zu finden und weit verbreitet. Ihre Aufbewahrung war gut organisiert: Gemeinsam geteilte Medikamente waren zentralisiert gelagert (in K\u00fcchen oder Wohnzimmern), w\u00e4hrend pers\u00f6nlich einzunehmende Medikamente an etwas privateren Orten aufbewahrt wurden (Schlafzimmer, Badezimmer). \u00c4ltere Medikamente wurden an abgelegenen Orten verstaut (Dachb\u00f6den oder Schr\u00e4nke). Die Aufbewahrungsorte der Medikamente spiegelten die famili\u00e4ren Beziehungen und Pflegepraktiken innerhalb der Haushalte wider.<\/li>\n<li>Personen verstanden und nutzten Medikamente sehr unterschiedlich, vom Widerstand des Gebrauchs bis hin zu verschiedenen M\u00f6glichkeiten, ihren Gebrauch einzuhalten, zu \u00e4ndern oder zu erweitern, je nach Art der Medikamente und Krankheit.\n<ul>\n<li>Zum Beispiel waren einige besonders bestimmt \u00fcber die Einnahme von Antibiotika: <em>&#8220;Ich nehme ungern Antibiotika&#8230; Antibiotika sollten f\u00fcr Notf\u00e4lle aufbewahrt werden&#8221;<\/em>.<\/li>\n<li>Andere, die psychotrope Medikamente einnahmen, reduzierten ihren Konsum aufgrund von Nebenwirkungen und Abh\u00e4ngigkeiten: <em>&#8220;Ich wollte als funktionierendes Mitglied der Gesellschaft fungieren&#8230; um gesund zu werden, musste ich die Medikamente tats\u00e4chlich loswerden&#8221;.<\/em><\/li>\n<li>Menschen, die alternative Medizin verwendeten, haben sich oft vollst\u00e4ndig gegen allopathische Medikamente gewehrt: <em>&#8220;Ich w\u00fcrde lieber versuchen, abzuwarten, oder einfach jede andere Alternative testen, anstatt Drogen zu nehmen&#8221;.<\/em><\/li>\n<li>Andere modifizierten die Dosis entsprechend den Symptomen: <em>&#8220;Mir wurde eine h\u00f6here Dosis verschrieben, aber ich entschied mich dazu, sie so niedrig wie m\u00f6glich zu halten&#8221;.<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>Diese allt\u00e4glichen Medikationspraktiken wurden durch das Verst\u00e4ndnis der Menschen \u00fcber den Wert und die Bedeutung von Medikamenten in der Gesellschaft bestimmt. Medikamente k\u00f6nnen einerseits f\u00fcr Unordnung sorgen, wenn z.B. Angst und Schrecken, durch Drogenmarketing verbreitet wird und Geschichten in den Medien \u00fcber das &#8220;Unnat\u00fcrliche&#8221; und Au\u00dfer Kontrolle geraten, berichten. Oder andererseits k\u00f6nnen sie f\u00fcr Ordnung sorgen, wenn sie als &#8220;Gleichgewicht&#8221; verstanden werden und Ordnung und Kontrolle wiederherstellen. Medikamente berufen sich auch auf die Moral, wenn sie als &#8220;notwendiges \u00dcbel&#8221; betrachtet werden, das pers\u00f6nliche Wachsamkeit beim Konsum erfordert, oder wenn ihr Konsum eine &#8220;<a href=\"http:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S0277953614001671\">moralisch scheiternde<\/a>&#8221; kranke Person oder einen stigmatisierten, scheiternden K\u00f6rper implizierte und Identit\u00e4ten schuf, die bew\u00e4ltigt werden mussten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anstatt Laienmedikationspraktiken als falsch oder irrational anzusehen, argumentieren wir, dass sie einer eigenen Logik unterliegen, die von einer &#8220;<a href=\"http:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/abs\/10.1080\/09505430902885631\">Laien-Pharmakologie<\/a>&#8221; gepr\u00e4gt ist, in der sich die Patientenperspektiven auf Medikamente sowohl innerhalb beider ihrer Bedingungen f\u00fcr die Verabreichung von Medikamenten und ihrer pers\u00f6nlichen Gesundheitsgeschichte befinden. Diese F\u00e4higkeit der &#8220;Laien-Pharmakologie&#8221; beeinflusst und ver\u00e4ndert die Medikamenteneinnahmepraktiken in den Haushalten auf eine Weise, wie sie oben beschrieben wurde und bietet die fehlende Perspektive in vielen Ans\u00e4tzen zum Verst\u00e4ndnis\u00a0 der Medikamenteneinnahme. Medikamente im Haushalt haben ein eigenes <a href=\"http:\/\/www.cambridge.org\/nz\/academic\/subjects\/anthropology\/social-and-cultural-anthropology\/social-lives-medicines?format=PB&amp;isbn=9780521804691#rv4svbKmxj0d6dGZ.97\">soziales Leben<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Empfehlungen<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Gesundheitspsychologen und Gesundheitspsychologinnen sollten verstehen, dass die Medikamenteneinnahme eine soziale T\u00e4tigkeit ist und sie als solche angehen, anstatt sie ausschlie\u00dflich aus der biomedizinischen Perspektive der Adh\u00e4renz zu betrachten.<\/li>\n<li>Der Medikamentengebrauch w\u00fcrde besser verstanden und eingeordnet werden, wenn sich dieser innerhalb der situationsgebundenen Praktiken befinden w\u00fcrde, insbesondere innerhalb der zeitlichen und r\u00e4umlichen h\u00e4uslichen Gepflogenheiten, die in das t\u00e4gliche Leben zu Hause eingebettet sind. Gesundheitspsychologen und Gesundheitspsychologinnen, die etwas an der Medikamenteneinnahme ver\u00e4ndern wollen, m\u00fcssen diese Praktiken besprechen und aufdecken. Weiter sollen sie Ratschl\u00e4ge geben, die sich auf die soziale und kontextuelle Dynamik beziehen, welche den t\u00e4glichen Medikamentengebrauch f\u00fcr Patienten und Patientinnen beeinflusst.<\/li>\n<li>Gesundheitspsychologen und Gesundheitspsychologinnen sollten den Medikamentengebrauch offen mit den Patienten und Patientinnen besprechen und versuchen, Empfehlungen f\u00fcr den Gebrauch im eigenen Verst\u00e4ndnis des Patienten und der Patientin \u00fcber seine\/ihre Krankheit zu platzieren, wie er\/sie Medikamente betrachtet und bewertet und wie er\/sie die Medikamenteneinnahme in seinen Alltag integrieren kann.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Translated by Dr. Janina L\u00fcscher &amp; Dr. Corina Berli<\/em><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>By Kerry Chamberlain,\u00a0Massey University, Auckland, New Zealand What do people do with medications once they enter the home? 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